Sailor Moon HeaderFür dieses Special blicken wir zurück in die Zeit von Serien wie «Sailor Moon», «The Vision of Escaflowne» oder «Neon Genesis Evangelion»: Es geht um die Geschichte des Animes der 90er-Jahre.

 

Am Ende meines letzten Specials habe ich die Leser über das Thema des nächsten Artikels der Reihe abstimmen lassen. Es ergab sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen «Geschichte des Animes: Die 90er-Jahre» und «Geschichte des Animes in Deutschland», beide Vorschläge erreichten schlussendlich 29% der Stimmen. Ich beginne daher zwecks einer gewissen Kontinuität mit ersterem Thema, aber keine Sorge: Ein weiterer Text über die Geschichte des Animes in Deutschland folgt bald.

 

Cowboy BebopIn den ereignisreichen 1990er-Jahren gelang dem Anime der endgültige Durchbruch in der Welt. Zahlreiche Serie und Filme des Jahrzehnts, aber auch bereits ältere Werke gelangten in den Westen und feierten dort große Erfolge. Dies beschränkte sich nicht nur auf Titel wie «Pokémon» oder «Yu-Gi-Oh!», sondern umfasste durchaus auch Produktionen, die sich an ein erwachsenes Publikum richteten. Ein Exempel ist «Cowboy Bebop», in Japan seinerzeit nur von mäßigem Erfolg gekrönt, im Westen aber sehr populär, allen voran in den USA. In Rücksicht auf mein nächstes Special soll der internationale Aspekt in diesem Artikel aber nur hintergründig eine Rolle spielen.

 

Card Captor SakuraZu einer der bekanntesten Serien des Jahrzehnts avancierte «Sailor Moon» (ab 1992), der letztlich erfolgreichsten nicht-amerikanischen Zeichentrickserie aller Zeiten. Dieser Produktion gelang es, das Anfang des Jahrzehnts schon fast totgeglaubte Magical-Girl-Genre eindrucksvoll zu reanimieren. Die neuartige Kombination mit dem beliebten Sentai-Genre, sowie die Verwendung von Elementen der griechischen Mythologie, des Shintō, der chinesischen Philosophie und der Astrologie erwiesen sich als Glücksgriff. Überdies läutete „Sailor Moon“ einen inhaltlichen Wandel im Magical-Girl-Segment ein: Nunmehr standen nicht persönliche Probleme der Mädchen im Vordergrund, sondern die Geschichten wurden episch aufgeladen, es ging um den Kampf zwischen Gut und Böse, die Rettung der Welt. Auf «Sailor Moon» folgten eine Vielzahl weiterer Genrevertreter wie «Wedding Peach», «Jeanne, die Kamikaze-Diebin» oder «Card Captor Sakura».

 

Neon Genesis EvangelionWas «Sailor Moon» für das Magical-Girl-Genre war, das war «Neon Genesis Evangelion» für das Mecha-Genre. Die 26-teilige Serie des Studios Gainax zeichnet sich durch ein hohes intellektuelles Niveau mit zahlreichen Referenzen und Zitaten aus der Weltgeschichte, den Religionen, der Philosophie und den Naturwissenschaften. Im Zentrum steht die Psyche der Charaktere. Dies alles hat «Neon Genesis Evangelion» zu einer der umstrittensten und meistdiskutierten Animeserien aller Zeiten gemacht. Hervor gingen eine bis heute beindruckende Fangemeinde und unzählige Interpretationsansätze des Werkes und seiner Einzelbestandteile.

Im Sci-Fi-Bereich tat sich der «Ghost in the Shell»-Film von Regisseur Oshī Mamoru aus dem Jahr 1995 hervor. Wie einige Zeit zuvor schon «Akira», bewies die Produktion die Tauglichkeit der Animes für intelligente, vielschichtige und düster-dystopische Science-Fiction-Leinwandabenteuer und stach darüber hinaus durch seine überragende Bild- und Animationsqualität hervor. Viele spätere Filme, auch solche aus dem nichtjapanischem Ausland, sind sichtlich von dem Klassiker geprägt worden, so der Hollywood-Streifen «Matrix».

Ghost in the ShellProduktionen wie «Neon Genesis Evangelion» oder «Ghost in the Shell» können nicht vollends ohne den gesellschaftlichen Hintergrund betrachtet werden. Nachdem Japan Jahrzehnte lang ein enormes Wirtschaftswachstum erlebt hatte und zur zweitgrößten Volkswirtschaft aufstieg, ja schon fast die USA zu überholen schien, folgte im Jahr 1990 der Einbruch. Die Bubble Economy platzte und das Land wurde in eine tiefe wirtschaftliche Krise mit Stagnation und Deflation gestürzt, von der es sich bis heute nicht wirklich erholt hat. Im Anbetracht dessen werden zum Beispiel dystopische Komponenten in einigen Animes verständlich, wie auch die Figur des Shinji Ikari aus «Neon Genesis Evangelion» als schüchterner und zielloser Junge verständlicher wird, der gewissermaßen ein Archetyp seiner Zeit darstellt. Nichtsdestoweniger sollte hier natürlich nicht überinterpretiert werden, schließlich sind stets noch viele andere Einflüsse vorhanden.

«Ghost in the Shell» und vor allem «Neon Genesis Evangelion» veränderten die Animewelt nachhaltig. Regisseuren und Drehbuchautoren wurde in Folge weitreichendere Freiheiten eingeräumt, sodass mehr experimentelle, anspruchsvolle Serien wie «Serial Experiments Lain» (1998) entstehen konnten, die nicht ausschließlich kommerziell ausgerichtet waren. Die beiden Werke trugen maßgeblich dazu bei, dass die Anime-Branche den Wirtschaftsschock überwinden und global expandieren konnte.

 

Prinzessin MononokeDas bereits in den 80ern erfolgreiche Animationsstudio Ghibli konnte mit seinen gehaltvollen, modernen Märchen samt Bezügen zur japanischen Kultur an seine vorherigen Erfolge anknüpfen. Zu den Kreationen des Studios in den 1990er-Jahren gehören die Spielfilme «Tränen der Erinnerung – Only Yesterday» (1991), «Porco Rosso» (1992), «Flüstern des Meeres – Ocean Waves» (1993), «Pom Poko» (1994), «Stimme des Herzens – Whisper of the Heart» (1995), «Prinzessin Mononoke» (1997) und «Meine Nachbarn die Yamadas» (1999). Hierbei ist «Prinzessin Mononoke» hervorzuheben. Das Werk war unglaublich teuer, die Produktion verschlang mehr als 20 Millionen Dollar, gehört allerdings zweifelsfrei noch heute zu den beliebtesten Filmen Miyazakis und inspirierte viele Filmschaffende in und außerhalb Japans.

 

PokémonDer enorme technische Fortschritt in grafischer Hinsicht eröffnete in den späten 90ern zwei Entwicklungen: Zum einen die Verwendung von CGI-Elementen in Animes, wie etwa bei «Blue Submarine No. 6» der Fall. Zum anderen die zunehmende Adaption von Videospielen als Animes, zum Beispiel den Nintendo-Verkaufsschlager «Pokémon». Auch der beliebte «Digimon»-Anime fußt mehr oder weniger auf Games, liegen seine ersten Ursprünge doch im Tamagotchi und dessen Weiterentwicklungen.

Auf stilistischer Ebene ist der Mangaka-Gruppe Clamp (u.a. «Card Captor Sakura») in den 1990ern eine große Bedeutung beizumessen. Sie perfektionierten unter anderem die Shōjo-typischen großen Augen durch viele Lichter, Lidstriche und fein getuschte Wimpern, um sie besonders ausdrucksvoll wirken zu lassen. Des Weiteren erreichten die Zeichnerinnen durch Genrevermischungen inhaltlich eine große Zielgruppenkompatibilität, weshalb Andrea Ossmann in ihrer Diplomarbeit gar behauptet «letztendlich ist es wohl […] Clamp zu verdanken, dass sich die früher streng getrennten Genres von Shojo und Shonen allmählich aufzulösen beginnen».

 

The Vision of EscaflowneDer allgemeine Fantasyboom machte auch vor der Anime-Industrie nicht halt. Mehr und mehr Vertreter des Genres erblickten das Licht der Welt, darunter die Klassiker «The Vision of Escaflowne», «The Slayers», «Record of Lodoss War» oder «Berserk». Charakteristisch sind hier oftmals Bezüge zum europäischen Mittelalter und anderen europäischen Kulturaspekten. Aber auch japanische Volkssagen, Traditionen und Geschichte spielen nicht selten eine Rolle, z.B. bei «Prinzessin Mononoke». Überdies dürfen hier die zahlreichen Videospiel-Adaptionen nicht vergessen werden.

Das Super-Robot-Genre kehrte mit «Yūsha Ekusukaizā» 1990 auf die Bildflächen zurück und wurde in der Folgezeit insbesondere von der «Gundam»-Reihe, aber auch von der «Macross»-Reihe hochgehalten. Es spielte letztlich aber nicht mehr eine solch große Rolle, wie noch im Jahrzehnt zuvor.

Detektiv ConanHunter x Hunter 1999Die größte Bedeutung hat für die Mehrheit der Leser aber wohl die Tatsache, dass in den 90ern eine Vielzahl der populären Endlos-Shōnen ihr Debüt feierten. «Detektiv Conan» flimmerte 1996 erstmals über die japanischen Mattscheiben und ist, obgleich der klassische Krimi ansonsten im Anime-Bereich eher eine untergeordnete Rolle spielt, bis heute eine der erfolgreichsten Animeserien mit bereits über 800 ausgestrahlten Folgen. Im Jahr 1999 erlebten dann ganze drei Shōnen-Größen ihre TV-Premiere: Zunächst «Hunter x Hunter», das für einen längeren Fighting-Shōnen ungewohnt intelligent und linear daherkommt, des Weiteren den Mega-Hit «One Piece», der nicht zuletzt durch seine Kreativität besticht und schließlich «Digimon», das gerade bei jüngeren Zuschauern große Beliebtheit erlangte.

 

Für Leser, die sich einige Animes des Jahrzehnts zu Gemüte führen wollen, will ich abschließend noch einige Werke nennen, die bisher im Artikel nicht zu Wort kamen, aber dennoch sehenswert sind, natürlich rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Romance-Fans sei «Kare Kano» und «Hana Yori Dango» empfohlen, Comedy-Freunden lege ich «Musekinin Kanchō Tylor» und vor allem «Great Teacher Onizuka» an Herz. Rennsport gibt es in «Initial D», während «Golden Boy» sich durch Ecchi auszeichnet. Eine gehaltvolle Space Opera gibt es mit «Seikei no Monshō». Für einen Animeabend bietet sich überdies «Perfect Blue», das Regiedebüt von Satoshi Kon, an.

 

Quellen: aniki.info, anime-serien.de.tl, japankino.de, gameplaygamers.com, en.wikipedia.org, online.sfsu.edu, Youtube-Video 1, Youtube-Video 2, Andrea Ossmann – Phänomen Manga (Diplomarbeit)